Einführung in die Philosophie

Holger Jens Schnell

 

Teil 1: Einführung in die Philosophie. Der Frage-Ansatz

Die Philosophie ist dafür bekannt, dass sie sich mit den allgemeinsten oder grundsätzlichsten Fragen beschäftigt. Einige Beispiele:

Was ist das Wesen der Wahrheit, des Guten und des Schönen? Existiert Gott? Was ist der Geist? Was heißt es, eine Person zu sein? Worin bestehen Freiheit und Verantwortlichkeit? Wie kommen Freiheit und Verantwortlichkeit damit überein, dass all unsere Handlungen ursächlich bedingt (determiniert) sind? Usw.

All diese Themen haben eine Gemeinsamkeit: Es geht dabei stets um Fragen oder Probleme, die für unser Selbstverständnis zentral sind: für unser Verständnis dessen, wer wir sind und welchen Platz wir in der Welt haben. Wir verstehen uns als Menschen, die frei und verantwortlich handeln – das ist deshalb wichtig, weil wir unsere Taten einander moralisch zuschreiben und verbindlich bewerten wollen. Weiter verstehen wir uns als Menschen, die nicht nur Dinge annehmen und vermuten, sondern sicheres Wissen haben über uns und unseren Ort in der Welt. Das ist wichtig, weil wir uns in der Welt existenziell sicher und zuhause fühlen wollen: in einer Welt nämlich, in der es eine verlässliche Ordnung und Naturgesetze gibt, die uns erlauben, uns zu orientieren, aus Erfahrungen zu lernen und Ziele zu verwirklichen. So weit unsere Ansprüche – die uns im Leben so selbstverständlich begleiten, dass wir uns ihrer meist gar nicht bewusst sind.

Wir sind jedoch auch Menschen, die zur Selbstkritik, zum Zweifeln fähig sind. Sobald wir uns bewusst machen, welche Ansprüche für uns wichtig sind und sie zum Thema rationalen Nachdenkens machen, drängen sich Zweifel auf. Gehen wir den Zweifeln nach, nehmen wir die Perspektive des Skeptikers ein. Für den Skeptiker ist charakteristisch, dass er auf Probleme aufmerksam macht, die unser Selbstverständnis, z. B. unser Selbstverständnis als wissende Menschen infrage stellen. Der Skeptiker ist eine herausfordernde Figur: Sofern wir überhaupt bereit sind, über uns selbst rational Rechenschaft abzulegen, zwingt der Skeptiker uns dazu, die unhinterfragten Überzeugungen, die für unser Selbstverständnis so wichtig sind – z. B. die Überzeugung, dass wir frei sind – angesichts der von ihm genannten Problemlage mit Gründen zu rechtfertigen. Gründe, vielleicht letzte Gründe zu finden für Überzeugungen oder Haltungen, die für unser Selbstverständnis zentral sind, ist ein genuin philosophischer Anspruch, ja, er definiert geradezu die Philosophie. Dies – und welche Rolle die Figur des Skeptikers dabei spielt, möchte ich anhand des Wissens- oder Erkenntnisanspruchs illustrieren.

Schon aus der biblischen Schöpfungsgeschichte kennen wir das Bild, wo Eva dem Adam eine Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ gibt. Um im Bild zu bleiben: Seit Adam (das ist das hebräische Wort für „Mensch“) von diesem Baum „gegessen“ hat, scheint die menschliche Kulturgeschichte eine Geschichte der Wissensanhäufung gewesen zu sein. Immer wieder sind aber auch Zweifel daran aufgekommen, ob wir wirklich so viel über die Welt wissen, wie wir glauben. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen wir vor einer unübersehbaren Vielzahl naturwissenschaftlicher Theorien, die zueinander in Widerspruch stehen wie z. B. die Relativitätstheorie Einsteins (die den Makrokosmos beschreibt) und die Quantenmechanik (die mithilfe ganz anderer Theoreme den Mikrokosmos beschreibt). – Da stellt sich die Frage: Welche dieser Theorien beschreibt die Welt, wie sie wirklich ist? Und könnte es nicht sein, dass all unsere Theorien und Erfahrungen uns sogar systematisch darüber täuschen, wie die Welt in Wirklichkeit beschaffen ist?

((Zitat Hilary Putnam:))

„Folgendes ist eine von Philosophen diskutierte Science-Fiction-Möglichkeit: Man stelle sich vor, ein Mensch (du kannst dir auch vorstellen, dass du selbst es bist) sei von einem bösen Wissenschaftler operiert worden. Das Gehirn dieser Person (dein Gehirn) ist aus dem Körper entfernt worden und in einen Tank mit einer Nährlösung, die das Gehirn am Leben erhält, gesteckt worden. Die Nervenenden sind mit einem superwissenschaftlichen Computer verbunden worden, der bewirkt, dass die Person, deren Gehirn es ist, der Täuschung unterliegt, alles verhalte sich völlig normal. Da scheinen Leute, Gegenstände, der Himmel usw. zu sein, doch in Wirklichkeit ist alles, was diese Person (du) erlebst, das Resultat elektronischer Impulse, die vom Computer in die Nervenenden übergehen. Der Computer ist so gescheit, dass, wenn diese Person ihre Hand zu heben versucht, die Rückkopplung vom Computer her bewirkt, dass sie „sieht“ und „fühlt“, wie die Hand gehoben wird. Darüber hinaus kann der böse Wissenschaftler durch Wechsel des Programms dafür sorgen, dass sein Opfer jede Situation der Umgebung nach dem Willen des bösen Wissenschaftlers „erlebt“ bzw. halluziniert. Er kann auch die Erinnerung an die Gehirnoperation auslöschen, sodass das Opfer den Eindruck hat, immer schon in dieser Umwelt gelebt zu haben. Dem Opfer kann es sogar scheinen, dass es dasitzt und diese Worte jetzt hört, die von der amüsanten, doch ganz absurden Annahme handeln, es gebe einen bösen Wissenschaftler, der den Leuten die Gehirne herausoperiert usw ...“

Seit der frühen Neuzeit haben sich Philosophen immer wieder mit derartigen Täuschungsszenarien befasst, weil sie zum Skeptizismus zu führen scheinen: der Ansicht, dass wir nichts über die Welt wissen können. Um Wissen über die Welt haben zu können, um berechtigterweise sagen zu können „Ich weiß, dass wir jetzt hier beisammen sitzen“ o. Ä. müssen wir, sagt der Skeptiker, die Möglichkeit ausschließen können, dass wir einer umfassenden Täuschung wie der gerade beschriebenen unterliegen (dass wir in diesem Moment auf einem fernen Raumschiff als körperlose Gehirne in einem Tank schwimmen). Das können wir jedoch nicht auf empirischem Wege tun, weil alle Erfahrungsbelege, die wir dagegen geltend machen möchten, selbst von der Täuschungsannahme betroffen sind. So wie die Täuschungsannahme von den Gehirnen im Tank formuliert ist, könnten wir niemals auf der Basis unserer Erfahrungen herausfinden, dass wir getäuscht werden. Daraus folgert der Skeptiker, dass all das, was wir gewöhnlich für Wissen halten, kein echtes Wissen ist.

Die skeptische Schlussfolgerung ist eine Herausforderung: Wenn wir unser Selbstbild als wissende Menschen aufrechterhalten wollen, müssen wir uns der Frage stellen, ob und wie wir angesichts der skeptischen Überlegung überhaupt etwas wissen können, m. a. W.: Wie können wir überhaupt etwas wissen, wenn wir die Möglichkeit nicht ausschließen können, dass wir umfassend getäuscht werden?

Damit sind wir zu einer Frageform gelangt, die für die Philosophie kennzeichnend ist: die Frageform „Wie ist es möglich, dass“. Die Frage nach den „Bedingungen der Möglichkeit“ ist vor allem durch den Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant berühmt geworden. In seinem Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“, fragt Kant nach den Bedingungen der Möglichkeit, berechtigte Erkenntnis- oder Wissensansprüche zu erheben. Doch die Frage lässt sich auch an die übrigen Ansprüche richten, die mit unserem Selbstverständnis als (nicht nur wissende, sondern auch) frei und moralisch verantwortlich handelnde Menschen verbunden sind. Mit Kant können wir weiter nach den Bedingungen der Möglichkeit dafür fragen, dass moralische Normen gelten – z. B. der Grundsatz, dass man niemanden instrumentalisieren soll, wie Kant sagt: dass man eine Person „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ brauchen soll; das ist der Sinn des „kategorischen Imperativs“. Allgemeiner gesagt, geht es darum, ob und unter welchen Bedingungen wir berechtigt sind, all diese Ansprüche zu erheben: Wahrheits- und Wissensansprüche ebenso wie moralische Geltungsansprüche. Für diese Untersuchungsart führte Kant den Begriff „Transzendentalphilosophie“ ein. Im nächsten Vortragsteil werden wir Sie am Beispiel der erkenntnisskeptischen Herausforderung mit einem Argumenttypus bekannt machen, der dabei von Philosophen häufig angewendet wird: dem „transzendentalen Argument“.

 

Teil 2: Methoden in der Philosophie – Am Beispiel eines einflussreichen transzendentalen Arguments

Mit der skeptischen Schlussfolgerung steht unser Selbstbild als wissende Menschen auf dem Spiel. Deshalb haben Philosophen in immer neuen Ansätzen die Frage zu beantworten versucht, ob und wie wir angesichts der skeptischen Überlegung überhaupt etwas wissen können. Der französische Philosoph René Descartes, der auch als erster die Möglichkeit einer umfassenden Täuschung in Erwägung zog, hat im Anschluss daran versucht, alles Zweifelhafte auf der Grundlage einer einzigen Gewissheit neu zu begründen:

((Zitat:))

„Indem wir so alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und es selbst als falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, daß es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; daß wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben; aber wir können nicht annehmen, daß wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, daß das, was denkt, zu dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht existiert. Demnach ist der Satz: Ich denke, also bin ich die allererste und gewisseste aller Erkenntnisse, die sich jedem ordnungsgemäß Philosophierenden darbietet.“

Wie aber, müssen wir weiter fragen, gelangt man von der inneren Gewissheit des „Ich denke“ philosophisch zur Erkenntnis der Außenwelt? Könnte, was wir über sie zu erkennen meinen, nicht gleichwohl eine Einbildung von der Art sein, wie der Skeptiker sie in seinen Täuschungsszenarien beschreibt? Diese Frage hat sich auch Kant gestellt, und ihm ist dabei folgende Idee gekommen:

((Zitat:))

„Der verlangte Beweis muß also dartun, daß wir von äußeren Dingen auch Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben; welches wohl nicht anders wird geschehen können, als wenn man beweisen kann, daß selbst unsere innere, dem Descartes unbezweifelte, Erfahrung nur unter der Voraussetzung äußerer Erfahrung möglich sei.“

Diese Beweisstrategie ist später sehr berühmt geworden. Denn wenn sie gelingt, zeigt sie, dass die Erfahrung von Dingen in unserer Außenwelt keineswegs zweifelhafter, sondern mindestens ebenso gewiss ist wie die innere Erfahrung des „Ich denke“, deren Voraussetzung sie ist. Diese Argumentation wird „transzendental“ genannt und ihre logische Form ist immer die gleiche: Die These, hier: dass wir Erfahrungserkenntnis von einer objektiven Außenwelt haben, wird nicht direkt, sondern indirekt bewiesen, indem man zeigt, dass sie sich nicht widerlegen lässt. Die Überlegung geht so:

Wer die These, dass wir Erfahrung von der Außenwelt haben, bezweifelt oder verneint, vollzieht einen Denkakt, eine kognitive Handlung. Kognitive Handlungen aber können wie alle Handlungen gelingen oder misslingen, und das hängt davon ab, ob bestimmte Bedingungen erfüllt sind oder nicht. Stellt sich bei der Analyse dieser Bedingungen heraus, dass sie nur dann erfüllt sein können, wenn die bestrittene These als wahr vorausgesetzt wird, dann ist ihr Widerlegungsversuch selbstwidersprüchlich. Wenn eine Widerlegung der These aber widersprüchlich, also notwendig falsch bleibt, dann ist damit ihre Wahrheit indirekt bewiesen.

Das zeigt sich auch an Kants Argument: Es setzt bei der inneren Gewissheit an, die der Skeptiker Descartes als einzige gelten lässt: „Ich denke“ bzw. „Ich zweifle“. Nun analysiert Kant die Bedingungen dafür, dass der Skeptiker diese innere Gewissheit über seine eigenen Denkakte haben kann, und er macht insbesondere geltend: Damit er sich ihrer gewiss sein kann, muss er sie in eine zeitliche Ordnung gebracht haben – in eine Abfolge von „früher“ und „später“, die er sich insgesamt, während er argumentiert, vergegenwärtigen kann. Jede solche Zeitbestimmung, so Kant weiter, setzt eine Bezugnahme auf beharrliche Gegenstände voraus: Um die zeitliche Abfolge der eigenen Gedanken bestimmen zu können, müssen sie auf räumliche Dinge bezogen werden, die von ihnen selbst verschieden sind und stetig an Ort und Stelle bleiben. Wenn der Skeptiker aber die Erfahrung von Gegenständen in einem räumlichen Bezugssystem außerhalb des eigenen Bewusstseins voraussetzen muss, um überhaupt geordnet denken und innere Gewissheiten haben zu können, dann muss er genau das voraussetzen, was er bestreitet. Indem er die Erfahrungserkenntnis einer objektiven Außenwelt bestreitet oder in Zweifel zieht, widerspricht er sich selbst, nämlich den Voraussetzungen seines eigenen Denkens.

Daran sieht man: Wenn die transzendentale Analyse von „Bedingungen der Möglichkeit“ als Argument benutzt wird, dann endet sie bei der Diagnose eines Selbstwiderspruchs – eines Selbstwiderspruchs von der gleichen Art wie wenn jemand sagt: „Mit Ihnen spreche ich nicht!“. Der Unterschied besteht nur darin, dass der Selbstwiderspruch in undurchdachten weltanschaulichen Grundpositionen weniger trivial und offensichtlich ist – und dass es deshalb einer transzendentalen Bedingungsanalyse vorbehalten sein kann, ihn zu finden.

Damit ist natürlich nicht darüber entschieden, ob transzendentale Argumente wie das von Kant referierte im Einzelnen überzeugend sind. Das hängt wie bei allen Argumenten, wenn sie formal schlüssig sind, von der Überzeugungskraft der Prämissen ab. Ob der Skeptizismus nach Kants Methode überzeugend widerlegt und unser Selbstverständnis als wissende Menschen wiedergewonnen werden kann, ist bis heute offen.

 

Teil 3: Die Aufgabe der Philosophie

Wenden wir uns nun der Frage zu, was Philosophie im Lebensalltag leisten kann und soll.

((Zitat Immanuel Kant:))

„Meine Philosophie muß in mir selbst, und nicht im Verstand anderer gegründet seyn. Dabei darf sie aber nicht nur der Befriedigung individueller Neugierde dienen, sondern muß auf das Interesse der Menschheit bezogen sein.“ Kant sagt, er würde sich „unnützer finden wie den gemeinen Arbeiter“, wenn er nicht glauben könnte, dass seine Philosophie dazu beitragen werde, „die Rechte der Menschheit herzustellen.“

In diesem Zitat von Kant sind zwei Aspekte enthalten, die für die Philosophie charakteristisch sind:
Erstens: Der Anspruch darauf, eigenständig zu denken und sich nichts durch andere unhinterfragt vorgeben zu lassen.
Zweitens: Die eigene Rationalität nicht nur für die Lösung persönlicher Probleme und Fragestellungen zu gebrauchen, sondern sie in den Dienst der Menschheit zu stellen d. h. nach rationalen Lösungen der Fragen und Probleme zu suchen, welche uns als Menschen betreffen.

Dies stellt uns vor die Frage: In wie fern kann die Menschheit oder die Allgemeinheit ein Interesse an der Philosophie haben? Welchen Wert hat die Philosophie für die Menschheit oder die Allgemeinheit? Welchen Wert die Philosophie für die Menschen und das Leben hat, ist umstritten. Zum einen wird der Philosophie nachgesagt, außergewöhnliche Gedankenwege zu gehen und die Spannbreite dessen, was man wissen kann, zu bearbeiten; zum anderen wird sie jedoch auch belächelt, das stets Überflüssige zu thematisieren. Trotz dieser Polarisierung lässt sich jedoch festhalten: Die Philosophie öffnet ein Gedankenspektrum, das in alle menschlichen Lebensbereiche eindringen kann, und doch sind es letzten Endes einige wenige Grundfragen, die das philosophische Denken beschäftigen – und zwar weil sie unserem Selbstverständnis als Menschen gehören:

1. In welchem Sinne existiert die materielle Außenwelt? Gibt es eine nichtmaterielle Wirklichkeit?

2. Was können wir erkennen? Kann der Mensch die Welt so erkennen wie sie wirklich ist?

3. Worin besteht das Gute? Was sind die moralischen Grundlagen von Staat und Gesellschaft?

4. Was ist der Mensch? Gibt es etwas am Menschen (eine Seele), die über die materielle Wirklichkeit hinausgeht?

Bei diesen Fragen fällt auf, dass sie auch die zentralen Fragen der Religion sind. Denn die Philosophie hat mit der Religion viel gemeinsam. Sie thematisieren beide die Grundfragen der Existenz des Menschen. Sie gehend dabei nur anders vor und haben ein unterschiedliches Credo (zum einen den uneingeschränkten Glauben an Gott als das Höchste, zum anderen die nachdenkende Wahrheitssuche als das Höchste). Was die Philosophie nun von der Religion unterscheidet sind die Wissensquellen, mit deren Hilfe die Fragen nach dem Menschen und seinem Ort in der Welt untersucht werden. In der Religion werden die Wissensquellen als göttliche Offenbarungen gedeutet, wie wir sie zum Beispiel in der Bibel lesen können. Philosophen dagegen versuchen die Grundfragen alleine durch rationales Nachdenken zu beantworten. Die Antworten muss der Philosoph durch selbstverantwortete Argumente begründen, also durch die Kraft der Vernunft – im Gegensatz zur Kraft des Glaubens in der Religion.

Es kommt dabei auf drei Dinge an:

1. Die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen;

2. Begriffe und Aussagen, mit denen die Fragen und die Antworten auf sie formuliert werden, sich und anderen verständlich zu machen;

3. Antworten auf die Fragen mit guten Argumenten überzeugend zu begründen.

Die Philosophie versucht also, die Grundfragen unseres menschlichen Selbstverständnisses auf rationale Weise zu beantworten. Sie spiegelt damit den rationalen Stand einer Gesellschaft wieder. Die Entwicklung und gesellschaftliche Kultur des menschlichen Selbstverständnisses, so zeigt uns die Geschichte, ist wiederum Voraussetzung für Veränderungen hin zu einem gelingenden Leben.

 

Teil 4: Der praktische Nutzen der Philosophie

Wir sind im Alltag ständig mit schwierigen Situationen konfrontiert, die uns intellektuell, aber auch emotional oft überfordern: Am Arbeitsplatz, als Teilnehmer an der öffentlichen und politischen Welt wie auch im privaten Umgang mit dem Lebenspartner und unserer Familie sind wir immer wieder mit Fragen, Entscheidungsproblemen und sogar mit moralischen Dilemmata konfrontiert.

Um einen privaten Streit zu schlichten z. B. ist es erst einmal wichtig, nicht aneinander vorbeizureden, wie es leider allzu oft geschieht. Mithilfe gezielter Fragen muss man erst einmal klarstellen, wo genau der Konflikt liegt, d. h.: man muss die verschiedenen Interessen oder Erwartungen klar ausformulieren und einander logisch gegenüberstellen. Dies: in einer Konfliktsituation die richtigen Fragen zu stellen und den Konflikt begrifflich-logisch klar zu diagnostizieren, ist eine philosophische Kompetenz – sie entspricht den ersten beiden genannten Anforderungen. Die dritte Anforderung, die Kompetenz des Argumentierens, wird danach wichtig, wenn es darum geht, den analysierten Konflikt gemeinsam zu lösen. Dafür ist es nämlich erforderlich, Gründe und Gegengründe für verschiedene Lösungen logisch konsequent zu Ende zu denken und gegen einander abzuwägen.

Mehr oder weniger spielt diese Fähigkeit des problemlösenden Denkens oder Kommunizierens in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Auch in der Wirtschaft, vor allem in der PR-Branche und in der Unternehmensberatung geht man bei der Lösung eines Problems (meist in Teamarbeit) so vor. In der Politik ist die Kompetenz, auf argumentativem Wege zum Ausgleich widerstreitender Interessen zu kommen und – wiederum argumentierend – für Entscheidungen in der Öffentlichkeit zu werben, zentral. Allerdings kann die Philosophie in der politischen Diskussion auch eine wichtige korrektive Rolle spielen, indem sie in einer politischen Rhetorik z. B. auf folgenschwere Widersprüche aufmerksam macht. In aller Kürze ein aktuelles Beispiel: Die Kriegsrhetorik der USA und die Rolle der UNO.

Wolfgang Thierse hat vor wenigen Tagen auf Folgendes aufmerksam gemacht: „Die Charta der Vereinten Nationen erlaubt einen Krieg nur dann, wenn es um Selbstverteidigung geht oder eine Gefahr für den Weltfrieden besteht. Ein Präventivkrieg“, so Thierse weiter, wäre „damit nicht vereinbar“. Das ist so, weil die Vereinten Nationen gerade dazu da sind, um zu verhindern, dass einzelne Staaten aus nationalegoistischem Interesse heraus gegen andere Kriege führen.

Nun haben Sie sicher alle in den Nachrichten der letzten Wochen gehört, wie die US-amerikanische Administration ihre Absicht erklärt hat, einen Präventivkrieg gegen den Irak zu führen. Dies wird unter anderem damit begründet, dass der Irak die UNO-Resolution 687 vom 3. April 1991 verletzt habe. Diese fordert, dass der Irak seine Massenvernichtungswaffen zu zerstören habe. Da diese Resolution nach Maßgabe von Kap. VII angenommen wurde, die beinhaltet, dass die etwaige Nichtbefolgung mit militärischen Mitteln geahndet werden kann, lässt sich ein Krieg durch Feststellung der Nichterfüllung dieser Resolution begründen. Ein solchermaßen begründeter Krieg müsste vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschlossen werden. Die USA wollen über einen solchen Krieg, und zwar in jedem Fall, nach eigenem, also US-amerikanischem Gutdünken entscheiden – und ihn ggf. auch ohne Zustimmung des Weltsicherheitsrats führen, ja mehr noch: die Staatengemeinschaft wurde vor die Alternative gestellt: Entweder ihr seid auf unserer Seite und stimmt zu, oder ihr werdet künftig nur noch ein politisch „irrelevanter Debattierclub“ sein (so G. W. Bush).

Das „Alt“-europäische Unbehagen angesichts dieser Situation lässt sich logisch schnell auf den Punkt bringen: Es handelt sich um einen inneren Widerspruch mit schwerwiegenden Folgen. Die Ankündigung, sich gegebenenfalls d. h. falls man sich für den Kriegsbeginn entscheiden sollte, von niemandem – nicht einmal vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – davon abhalten zu lassen, steht in direktem Widerspruch mit dem Gründungsziel der Vereinten Nationen: dem Ziel, derartige kriegerische Alleingänge zu verhindern. Da die USA selbst aber noch, wenigstens formell, den Vereinten Nationen angehören und sich also auch – formell – der UN-Charta fügen, ist dieses Verhalten selbstwidersprüchlich. Es ist allgemein ein Widerspruch, als Mitglied der UN die Vereinten Nationen mit national-egoistischen Kriegsinteressen dominieren zu wollen, wo die Vereinten Nationen gerade dadurch definiert sind, derartige nationale Alleingänge verhindern zu helfen. Kommt es gewissermaßen von innen heraus zu einer solchen Instrumentalisierung, so kann man mit Hegel von einem „dialektischen“ Widerspruch sprechen: der wird von Hegel in der „Phänomenologie des Geistes“ definiert als ein Widerspruch zwischen „Begriff“ und „Realität“ d. h. zwischen der leitenden Norm oder dem Leitziel einer sozialen Institution und ihrer Wirklichkeit, welche das Ziel ins Gegenteil zu pervertieren droht.

Fraglos wird die zitierte, von vielen als „erpresserisch“ empfundene Linie amerikanischer Kriegsrhetorik immer wieder durch andere, diplomatischere Töne durchbrochen. Der Widerspruch jedoch ist da und er ist für die gesamte weltpolitische Ordnung folgenreich. Er ist ein Problem von genau der Art, die Kant als Aufgabe für die Philosophie angesprochen hat: Nichts weniger als „die Rechte der Menschheit“ sind von ihm betroffen – im gegenwärtigen Fall: das Recht auf eine politische Weltordnung, in der nicht das Recht des Stärkeren herrscht. Die Philosophie kann dabei helfen, logisch zu klären, was auf dem Spiel steht, und ihr Anspruch nötigt dazu, rational verantwortbare Lösungen zu finden.


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© Holger Jens Schnell, 2003